MEINE MOTIVATION

(Auszug aus meinem Buch:)


Nicht alle Kinder wachsen in einem behüteten Umfeld auf. Als pubertierender Junge stand ich kurz davor, mich als Folge von häuslicher Gewalt in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe unterbringen zu lassen. Allerdings war dies nicht mehr nötig, als eine Wegbegleiterin in mein Leben trat, die mich fortan unterstützte. Mit Ende 40 bin ich dann selbst Wegbegleiter geworden. In diesem Buch möchte ich meine Erfahrungen und die von anderen Menschen ungefiltert, ehrlich und authentisch schildern.


Vielleicht kann ich erwachsene Menschen motivieren, sich als ehrenamtliche Wegbegleiter:innen für ein belastetes oder traumatisiertes Kind zu engagieren. Meine Ausführungen sollen außerdem helfen, die heutigen Herausforderungen von Kindern in stationären Einrichtungen sowie von Careleaver:innen zu verstehen und dafür zu sensibilisieren. Der Begriff Careleaver beschreibt Personen, die in einer Form der staatlichen Fürsorge („care“) aufgewachsen sind und diese verlassen („leave“) haben oder diesen Schritt bald gehen, die sich also im Übergang ins Erwachsenenalter befinden.


Als Protagonist:innen für meine Interviews, die Einblicke in intensive Schicksale erlauben und manchmal nicht leicht zu ertragen sind, konnte ich echte Persönlichkeiten gewinnen, die ohne Scham und mit erhobenem Haupt über eine kritische Zeit aus ihrer Kindheit berichten. Sie ertrugen verschiedene Formen von menschlicher Entwürdigung, Demütigung und weiteren seelischen Schmerzen. Diese reichen von mangelndem Erleben fürsorglicher Liebe, Vernachlässigung, Verwahrlosung und Beschämung, über qualvolle Erniedrigung bis hin zu körperlicher und sexualisierter Gewalt (vgl. Baer, 2020, 16-27).


Meine Gesprächspartner:innen rezitieren ohne Ausnahme positive Erlebnisse mit Wegbegleiter:innen, die für eine Wendung ihres manchmal ausweglosen Lebensweges mit verantwortlich waren. Mit Ausnahme eines jungen Mannes, der sich heute ohne eine Wegbegleitung durchs Leben kämpfen muss. Er repräsentiert mit seinem Schicksal viele junge Menschen, die nach dem Auszug aus der Wohngruppe oder der Pflegefa-milie einen strukturierten Tagesablauf noch lernen müssen und noch immer vor kleinen und großen Herausforderungen stehen. Aber auch andere Careleaver:innen hätten sich eine/n Wegbegleiter:in gewünscht, ohne hohe Ansprüche an ihn/ihr zu stellen. Einfach jemand, der/die nur da ist und zuhört und den weiteren Lebensweg mit ihnen teilt.


Mein Ziel ist, insgesamt ein unverfälschtes Bild über reale Schicksale von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu liefern, die sich noch immer hinter verschlossenen Türen ab-spielen und weitreichende Folgen für das spätere Leben haben, meist auch bis weit in das Erwachsenenalter hinein.

Insbesondere möchte ich die besondere Rolle der Wegbegleitung als Korrektiv für belastende und/oder traumatisierende Erfahrungen und deren Unterstützung bei der Bewältigung die-ser herausstellen.

Erfahrungen zeigen, dass ehrenamtliche Wegbegleitungen nicht mit Auszug aus der Wohngruppe oder aus der Pflegefamilie enden, sondern weit bis in das Erwachsenenalter im Beziehungsgeflecht des belasteten oder traumatisierten Kindes wertvoll bleiben.


Manche Wegbegleitungen scheitern aber auch in der Pubertät oder einfach daran, dass der/die Wegbegleiter:in den besonderen Erfordernissen des Kindes aus der stationären Einrichtung aus unterschiedlichen Gründen nicht oder nicht mehr gerecht werden kann.


Mit diesem Buch möchte ich weiterhin pauschale Vorurteile ausräumen, dass Kinder, die Gewalt erlebt haben, selbst gewalttätig werden und Kinder aus stationären Einrichtungen oder Pflegefamilien grundsätzlich schlechter sozialisiert werden als Kinder, die nicht in Einrichtungen der Jugendhilfe groß werden. Ich erlebe bei meinem Patenjungen durch die fachkundige Erziehung in der Wohngruppe zum Beispiel ein deutlich ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, eine wachsende soziale Kompetenz und ein sich entwickelndes prosoziales Verhalten. Auch in Gesprächen mit jungen Careleaver:innen ist mir deren empathisches Gespür, verbunden mit guter Fähigkeit zur Perspektivübernahme, also eine Situation aus der Sicht des anderen zu sehen und zu bewerten, aufgefallen.


Wie überall im Leben gibt es aber auch eine Kehrseite. Nicht alle Kinder und Jugendlichen schaffen es, nach dem Verlassen der stationären Jugendhilfe ein konfliktfreies und unbeschwertes Leben zu führen.


Kann, muss oder sollte man seinen Peiniger:innen eigentlich verzeihen? Hierüber möchte ich über einen metaphorischen Einblick in Herzkammern und Herzschlüssel eine Antwort geben. Hier ist auch zu erfahren, wie verschiedenartig meine Gesprächspartner:innen mit dem Thema Verzeihen umgehen.


Die Erlebnisse mit Elias haben mich zu diesem Buch inspiriert, insbesondere der Satz, der den Titel des nächsten Kapitels trägt: "Bis Du tot bist - oder bis ich tot bin".



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